von Fabian Stein

Die Kinder, die man heute Kriegskinder nennt, waren diejenigen, die um 1939 mindestens drei Jahre alt waren[1]. Alt genug, um sich selbst schon bewusst zu sein, aber zu jung, um eine vollausgereifte Persönlichkeit zu besitzen. Letzterer Aspekt ist in diesem Blog von besonderem Belang.

Kinder im Allgemeinen sind mit ihren noch wachsenden Persönlichkeiten besonders beeinflussbar von ihrer Umwelt. Die Kinder von 1939 waren also viel schlimmer vom Krieg betroffen als die Erwachsenen[2]. Der im September dieses Jahres beginnende Krieg setzte sie Erfahrungen aus, die alles andere als kindesgerecht waren. Kindesgerecht wären Erfahrungen von Sicherheit, Selbstbestimmtheit und Zuwendung gewesen, erweitert um eine solide Bildungsgrundlage. Stattdessen…

…wurde ein Großteil ihrer Kindheit von Kriegserfahrungen überschattet. Für das Wichtigste einer schönen Kindheit, das Spielen, hatten sie keine Zeit mehr, denn es galt zu überleben. Freizeit wurde irrelevant, als es galt, Nahrung zu beschaffen, um nicht zu verhungern[3]. Gewalterfahrungen[4] zerstörten Stabilität und Sicherheit[5] und für einen „Luxus“ wie Selbstfindung und Selbstentwicklung blieb unter den Bombenangriffen keine Zeit. Hilflosigkeit und Ohnmacht wurden die Erfahrungen[6], die diese Kinder bis an ihr Lebensende begleiten

Ebenso leicht zerbrachen Freundschaften mit anderen Kindern[7] und die Integration in ihr Umfeld[8], wenn sie fliehen oder an der Kinderlandverschickung teilnehmen mussten.

Auch der Grad der schulischen Bildung sank im Laufe des Krieges immer mehr[9], sei es durch Umnutzung oder Zerstörung der Schulen, dem Einziehen der Lehrer oder Evakuierungsmaßnahmen.

Das einzige, das die Kinder immer, auch über das Kriegsende hinweg, begleiten sollte, war die erlebte und existenzielle Angst[10].

Christl Sommerfeld, eine Autorin meiner Quellen, war ein solches Kind. Sie wurde 1938 in Berlin-Charlottenburg geboren und siedelte 1944 nach Schlesien über. Nach vielen Monaten auf der Flucht zog sie 1946 nach Brandenburg. 1950 verließ sie die DDR und zog ins Münsterland, wo sie als Heimerzieherin arbeitete. Heute lebt sie im Rheinland, in der Nähe ihrer Tochter, schreibt Kurzgeschichten und veröffentlichte für ihre Enkelkinder das Buch: „Großmutti, wer macht denn Krieg?“.

 

 

Quellenverzeichnis

  • Sommerfeld, Christl. Großmutti, wer macht denn Krieg?“ : Eine Kindheit in Kriegs- und Nachkriegszeit, auflage 1 Kempen, 2010
  • Fleermann Bastian; Mauer, Benedikt, Kriegskinder – Kriegskindheiten in Düsseldorf 1939-1945, Ausgabe 7, Düsseldorf, 2015

[1] Fleermann, kriegskinder, S.23 und S.27

[2] Fleermann, kriegskinder, S.26

[3] Fleermann, kriegskinder, S.21

[4] Fleermann, kriegskinder, S.21

[5] Fleermann, kriegskinder, S.21

[6] Fleermann, kriegskinder, S.21 und S.23 und S.27

[7] Fleermann, kriegskinder, S.21

[8] Fleermann, kriegskinder, S.21

[9] Fleermann, kriegskinder, S.21

[10] Fleermann, kriegskinder, S.26