von Christopher Mastalerz

Um die Politik der Alliierten verstehen zu können, muss man zunächst klären, wie das Zeitungswesen vor 1933 funktionierte und welche Eigenschaften die Alliierten als ursächlich für die Machtergreifung der Nationalsozialisten gesehen haben. Der deutsche Zeitungsmarkt war überschwemmt von Lokalzeitungen, den sogenannten „Generalanzeigern“. Diese gaben sich vorwiegend als entpolitisiert, die Artikel zu überregionalen Themen wurden jedoch meist von wenigen zentralen Pressekonzernen, vergleichbar mit Presseagenturen eingekauft. Dadurch war die Vielfalt der Medien stark eingegrenzt, da diese Konzerne meist eine deutschnationale Ideologie vertraten.

Dieses System führte dem Verständnis der Alliierten nach zu einer Monopolstellung von Meinungsmachern, weswegen sie das Presse-System von Grund auf neu aufbauen wollten und die unzähligen schwachen Lokalzeitungen und Generalanzeiger durch eine mittlere Anzahl an starken Regionalzeitungen ersetzen, die stark genug wären, um vom Staat unabhängig und Monopoltendenzen geschützt zu sein.

Die Westalliierten setzten beim Wiederaufbau der deutschen Presselandschaft auf ein Drei-Phasen-Modell:

  • Die erste Phase fand noch in der Kriegszeit in den besetzten  Teilen des deutschen Reiches statt. Es gab einen kompletten Presse-Black Out, um die nationalsozialistische Propaganda einzudämmen und einen kompletten Neustart zu gewährleisten.
  • Mit dem Ende  des Krieges begann Phase 2, die Einsetzung von Heereszeitungen der Besatzer, ohne deutsche Beteiligung.  Diese auch als
    Overt Papers bekannten Mitteilungsblätter enthielten die wichtigsten Nachrichten über die gegenwärtige Situation und die deutsche Zukunft.
  • Im Jahr 1946 begannen  die britischen Besatzer unter bestimmten Bedingungen Presselizenzen für deutsche Zeitungen zu vergeben. Die Lizenzpresse war geboren.

Doch die Rekrutierung von neuem Personal erwies sich als schwierig: Nachdem Verleger der alten Zeitungen („Altverleger“) kategorisch ausgeschlossen wurden, hatte man sich bei der Suche nach vertrauenswürdigen Antinazis von den Parteien helfen lassen.  Daher sollte die Presselandschaft in den folgenden Jahren stark mit den Parteien verzahnt sein.  Zunächst war noch geplant, sogenannte „Gruppenzeitungen“ einzurichten, in deren Redaktionen Anhänger aller Parteien involviert wären und die Zeitungen binnenpluralistisch aufgebaut wären.  Doch anders als die Amerikaner, denen das Konzept von parteinahen Zeitungen ohnehin völlig fremd war, beugten die Briten sich den starken Differenzen zwischen den Parteien und richteten Zeitungen für jede politische Strömung ein, um das ideologische Spektrum darzustellen. So entstanden auch Zeitungen wie die christdemokratische Rheinische Post oder die sozialdemokratische Westfälische Rundschau, die in unserem Projekt verarbeitet wurden.