von David Pogatzki

„Es ist furchtbar, aber es geht“, sagten schon die Kabarettisten Jürgen Becker und Rüdiger Hoffmann. Seit dem 23. August 1946 leben die, dem Klischee nach, schweigsamen Westfalen und lebenslustigen Rheinländer offiziell im gemeinsamen Land Nordrhein-Westfalen.

Der Bindestrich im Namen lässt es erahnen: Am 23. August 1946 hatte die britische Militärregierung unter dem Codenamen „operation marriage“ (engl. Operation Hochzeit) das Bundesland Nordrhein-Westfalen durch den Zusammenschluss des nördlichen Teils der preußischen Rheinprovinz und der preußischen Provinz Westfalen aus der Taufe gehoben. Mit etwas Verspätung sollte Lippe im Januar 1947 im Nordosten des Landes dazu stoßen und Nordrhein-Westfalen in seiner heutigen Form entstehen.

Für die britische Besatzungsmacht ging es bei der Schaffung eines großen westdeutschen Landes aus Rheinländern und Westfalen um internationale Politik: Die Franzosen sollten beruhigt, die Sowjets ferngehalten werden  und die Rheinländer und Westfalen sowohl Kohle liefern als auch Demokratie üben. Es handelte sich um eine Vernunftehe, keine Liebeshochzeit!

„Operation Marriage“

Am Nachmittag des 6. Juni 1946 fand jene Besprechung im britischen Außenministerium statt, die für die Zukunft von Rheinland und Ruhr von entscheidender Bedeutung sein sollte. Nach monatelangen Diskussionen stimmten die Teilnehmer der Besprechung nahezu einstimmig für die Gründung des Landes „North Rhine-Westphalia“. Am 21. Juni 1946 wurde die Vermählung durch das Overseas Reconstruction Committee in London endgültig genehmigt.

Zum 15. Juli wurden die führenden westdeutschen Politiker Konrad Adenauer (CDU), Jakob Kaiser (CDU) und Kurt Schumacher (SPD) ins britische Hauptquartier nach Berlin beordert. Dort unterrichtete sie Sir Brian Robertson, stellvertretender Militärgouverneur der britischen Besatzungszone, über die geplante Landesgründung. Sowohl Kaiser als auch Schumacher sollen von dieser Ankündigung völlig überrascht gewesen sein. Während Adenauer mit der Landesgründung durchaus einverstanden war, erklärte Schumacher, dass er und seine Partei gegen die geplante Landesgründung seien. Er fürchtete eine zu starke Mehrheit der CDU im größtenteils katholisch geprägten Land.

Am 17. Juli wurde die deutsche und internationale Öffentlichkeit auf einer Pressekonferenz in Berlin über die Entscheidungen der Briten informiert. Als offizielle Begründung wurde angeführt, dass die Landesgründung erfolge, um die Regierungs-, Wirtschafts- und Verwaltungsmöglichkeiten in der britischen Zone zu erleichtern. Dies war aber nur die halbe Wahrheit.

Ministerpräsident aus Münster

Am 24. Juli suchten die britischen Zivilkommissare den Präsidenten des westfälischen Provinzialrats und bisherigen Oberpräsidenten von Westfalen, Dr. Rudolf Amelunxen, in Münster auf und boten ihm das Amt des Ministerpräsidenten im neuen Land Nordrhein-Westfalen an. Dieser willigte nach einem Tag Bedenkzeit ein.

Mit der Ernennung des parteilosen  Amelunxen zum ersten Ministerpräsidenten Nordrhein-Westfalens am 1. August 1946  – rückwirkend zum 24. Juli – wurde die „Operation Marriage“ umgesetzt. Die Briten machten ihren bis dahin rheinischen Zivilkommissar William Asbury nun  für das ganze neue Land zuständig. Asbury, der im Stahlhof in Düsseldorf residierte, bestellte Amelunxen dorthin und stellte klar, dass die Briten auch weiterhin den politischen Ton angeben würden. In der „Ernennungsurkunde“ Amelunxens heißt es dann auch lapidar:

„The new land will comprise the existing provinces of NORDRHEIN and WESTFALEN. Its capital will be DUSSELDORF. […] You, and your Land Cabinet when formed, will work under my direction. […] All power of government pertaining to the new Land will be exercised through me, and it follows that the German Land Government will have no powers other than those which may be delegated by me.“ (Stadtarchiv Düsseldorf, 0-2-1-130)

Deutsche Übersetzung: Das neue Land wird die bestehenden Provinzen NORDRHEIN und WESTFALEN umfassen. Die Hauptstadt wird DÜSSELDORF sein. […] Sie und Ihr Kabinett, sobald gebildet, werden unter meiner Leitung arbeiten. […] Alle Regierungsmacht in Hinblick auf das neue Land wird durch mich ausgeübt, und daraus folgt, dass die deutsche Landesregierung keine anderen Befugnisse haben wird, als die von mir übertragenen.

Die Ernennung Düsseldorfs zur Landeshauptstadt wurde von den Zeitgenossen kaum zur Kenntnis genommen. Sie hatten andere Sorgen, man sah neue Pflichten auf sich zukommen. So hatten die Briten den Düsseldorfer Verwaltungschef Walter Kolb schon am 20. Juli über die Ernennung zur Landeshauptstadt eines neuen Landes informiert. Am 5. August informierte Oberbürgermeister Karl Arnold dann auch den Stadtrat.

Am 23. August wurde die Landesgründung mit der Militärverordnung Nr. 46 der britischen Besatzungsmacht rechtskräftig. Die Zusammenlegung der beiden traditionsreichen Provinzen Rheinland und Westfalen war vollbracht, Düsseldorf als künftige Hauptstadt benannt. Auch wurde die Forderung der Alliierten erfüllt, das Land Preußen, das als besonders militaristisch und nationalistisch galt, aufzulösen.

Die Deutsche Seite

Die Landesgründung kam für die deutsche Seite Anfang Juli 1946 recht überraschend. Im Zonenbeirat gab es seitens der deutschen Politiker noch keine einheitliche Meinung zur Zukunft Deutschlands. Obwohl es schon zu Zeiten der Weimarer Republik Vorschläge gegeben hatte, die westlichen preußischen Provinzen Rheinland und Westfalen in der damals diskutierten Auflösung Preußens zu „Ländern neuer Art“ zu ernennen. Auch Konrad Adenauer hatte in den zwanziger Jahren der Weimarer Republik die Auflösung Preußens befürwortet und eine „Westdeutsche Republik“ gefordert.

Bei den Überlegungen zur Zukunft des Rheinlands und Westfalens hätten die Briten also auf einige ältere deutsche Ideen zurückgreifen können. Doch die Quellen lassen vermuten, dass ihnen diese Vorschläge und Konzepte aus der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg nicht bekannt waren.

Die Vermählung von Rheinländern und Westfalen wurde von verschiedenen Seiten kritisch gesehen. Auf deutscher Seite erhoben sich Einwände, da die Landesteile und ihre Bevölkerung wenige Gemeinsamkeiten hätten. Westfalen würde besser zu Niedersachsen passen, während das Rheinland mit den südlichen, französisch besetzten Teilen vereint werden könnte. Aber auch prominente SPD-Politiker ,wie Kurt Schumacher und Erich Ollenhauer, sprachen sich gegen ein großes Land „Rheinland-Westfalen“ aus. Sie lehnten das Gebilde, als einen zu mächtigeren Gegenpart für ein neues Deutsches Reich, ab und fürchteten, dass separatistische Tendenzen unterstützt werden könnten, was die Einheit Deutschlands gefährdet hätte.

Auch die Westfalen standen einer Verschmelzung mit dem Rheinland kritisch gegenüber. Die allgemeine Ernährungslage war schwierig, aber den landwirtschaftlich geprägten Regionen ging es noch vergleichsweise gut. Das galt auch für Westfalen – abgesehen vom östlichen Ruhrgebiet und wenigen städtischen Inseln wie etwa Bielefeld. Die ländliche Bevölkerung fürchtete daher, dass sie die hungernden Städter an Rhein und Ruhr durchfüttern müssten. Gleichsam waren die Menschen in den Städten im Ruhrgebiet für den Zusammenschluss.

Widerspruch wurde auch von Seiten der westfälischen Verwaltungseliten in Münster und Bielefeld geäußert. Sie hatten Angst vor dem Verlust an politischem Einfluss und hofften, in der britischen Zone zu einem eigenständigen Land Westfalen erhoben zu werden. Die Furcht von dem bevölkerungsreicheren Rheinland untergebuttert zu werden, war groß. Geschickter Weise ernannten die Briten mit Amelunxen, dem Münsteraner Regierungspräsidenten, eben einen dieser Kritiker zum ersten Ministerpräsidenten.

England zwischen den Stühlen

Als die britische Militärregierung am 17 Juli 1946 in Berlin wirtschaftliche- und verwaltungstechnische Gründe für die Landesgründung ins Feld führte, war dies nur teilweise richtig. Nordrhein-Westfalen war vielmehr ein Nebenprodukt des sich abzeichnenden Kalten Krieges. Das Ruhrgebiet war die Waffenschmiede des Dritten Reiches  und für die Alliierten Siegermächte in Hinblick auf Deutschland das Sicherheitsrisiko Nr. 1. Gleichzeitig war das Ruhrgebiet aber auch das industrielle Herz Europas, ohne das kein schneller Wiederaufbau möglich gewesen wäre.

Die Briten rechneten damit, dass sich die amerikanischen Truppen wie nach dem Ersten Weltkrieg bald aus Europa zurückziehen würden. Ausgangspunkt aller weiteren politischen Überlegungen war deswegen, die Kontrolle der wirtschaftlich und politisch wichtigen Ruhrindustrie, wobei mit dem neuen Land die nötigen Voraussetzungen geschaffen werden sollten.

Diese Entscheidung entsprang auch aus dem Wunsch, in der zwischen den Alliierten umstrittenen Ruhrfrage endlich Tatsachen zu schaffen. Die Briten versuchten sich den zweifelhaften Ansprüchen der Sowjetunion und Frankreichs auf eine Internationale Ruhrkontrolle oder sogar die Schaffung eines von Deutschland losgelösten Ruhrstaats, wie Frankreich ihn anstrebte, zu erwehren. Man fürchtete die Russen, brauchte aber dennoch die Franzosen.

Wie die sowjetische Regierung, die in ihrer Besatzungszone keinen Einfluss der Westmächte duldete, wollte die britische Regierung auch die Sowjetunion von jeder politischen und wirtschaftlichen Einmischung in der britischen Zone ausschließen. Die Briten wollten alleine über die künftige Wirtschaftsordnung und Struktur der Industrie in ihrer Zone entscheiden. Aber besonderes der Forderung Moskaus im Alliierten Kontrollrat über Demontagen und Reparationen aus dem rheinischwestfälischen Gebiet wurde entschieden entgegentreten.

Bereits im Dezember 1945 hatten die britischen Siegermächte den Kohlebergbau an der Ruhr beschlagnahmt und einer britischen Treuhandverwaltung unterstellt. Parallel zur Gründung des neuen Landes am 20. August 1946 wurde zudem die Eisen- und Stahlindustrie beschlagnahmt und der alleinigen Kontrolle der Engländer unterstellt. Diesen politischen und wirtschaftlichen Machtfaktor wollte man nicht aus der Hand geben. Darüber hinaus sollte ein großes westdeutsches Bundesland als Gegengewicht zur sowjetischen Besatzungszone (SBZ) entstehen.

Auch die Forderung Frankreichs das Rheinland und das Ruhrgebiet von Deutschland abzutrennen, wie es nach dem Ersten Weltkrieg geschah, wurden von den Briten abgelehnt. Ihre Lehre aus den Folgen des 1. Weltkriegs und der Ruhrbesetzung von 1923 war: Keinen Hass und keinen Nationalismus schüren. Die „Operation Marriage“ war also ein Kompromiss. Zum einen war das neue Land so groß, dass es theoretisch immer noch als eigener, unabhängiger Staat hätte etabliert werden können, womit die französischen Sicherheitsinteressen vor der Wiedererstarkung Deutschlands befriedigt wurden. Zum anderen konnte es im Sinne der Engländer in einem zukünftigen deutschen Bundesstaat einen wichtigen Gegenpart zur Zentralgewalt darstellen. Schließlich lebten in NRW fast ein Viertel der deutschen Bevölkerung.

Die Ursachen und Beweggründe für die Gründung des Landes Nordrhein-Westfalen waren beispielhaft für die Zeit: Die Briten entschieden in ihrer Zone gegen französische und sowjetische Interessen, die für das Ruhrgebiet einen Sonderstatus wollten. Ebenso wie Frankreich trachtete damals auch Moskau nach einer Internationalisierung des Reviers, der „Waffenschmiede“ des zertrümmerten Reichs. Mit der Bildung von NRW sollte das Ruhrgebiet fest in die britische Besatzungszone eingebunden werden. Die Furcht der Briten vor dem Kommunismus und einem möglichen deutsch-sowjetischen Zusammengehen waren prägend für die politischen Überlegungen. Den französischen Sicherheitsinteressen musste Rechnung getragen werden, um Frankreich als Partner gegen die „russische Gefahr“ an der Seite Großbritanniens zu wissen.

Es ist furchtbar, aber es geht

Die „Operation Marriage“, welche die lebhaften Rheinländer und knorrigen Westfalen – so das Klischee – miteinander verheiratete, jährt sich im Jahr 2016 zum 70. Mal. Die Gründung Nordrhein-Westfalens war die britische Antwort auf die unter den Siegermächten umstrittene Ruhrfrage und stellt eine wichtige Etappe auf dem Weg zur Gründung der Bundesrepublik dar.

Die Bevölkerung in Nordrhein-Westfalen nahm von der Landesgründung 1946 jedoch kaum Notiz. Es gab nach der verheerenden Niederlage im Zweiten Weltkrieg genug zu tun. Wirtschaftlich lag das Land am Boden. Die Menschen hatten Not die schlimmsten Mängel der Versorgung zu beheben und eine örtliche Verwaltung aufzubauen. Lebensmittel waren Mangelware, in den zerbombten Städten herrschte Wohnungsnotstand und zusätzlich mussten die drückende Problematik der Flüchtlingsströme und drohende Epidemien in den Griff bekommen werden. Und gerade der erste Nachkriegswinter war klirrend kalt, Heizstoffe waren rar und die Menschen fringsten Kohlen.

Aus dem künstlichen Bindestrichland, welches die Briten am Reißbrett schnell zusammengeschustert hatten, ist eine europäische Kernregion geworden. Heute leben ca. 17,6 Millionen Einwohner auf 34.110,26 km² Fläche. Damit ist Nordrhein-Westfalen das bevölkerungsreichste Bundesland. Fünf der zehn größten Universitäten sind in NRW ansässig. Außerdem stellt das Land in der aktuellen Spielzeit sechs Vereine in der 1. Fußballbundesliga. Aus dem Ruhrgebiet als Hochburg der Kohle- und Stahlindustrie ist eine Metropolenregion mit abwechslungsreichen Kultur- und Freizeitangeboten geworden.

 


Weiterführende Literatur:

Kurt Düwell: „Operation Marriage“ – Die britische Geburtshilfe bei der Gründung Nordrhein-Westfalens. Rede anlässlich des 60. Jahrestages der Gründung des Landes Nordrhein-Westfalen vor Mitgliedern der Deutsch-Britischen Gesellschaft am 14. September 2006 im Schloss Jägerhof, Düsseldorf. Vortragsmanuskript als pdf-Datei, online abgerufen am 27.03.2016.

Wolfgang Hölscher: Nordrhein-Westfalen. Deutsche Quellen zur Entstehungsgeschichte des Landes 1945/46. Düsseldorf 1988.

Landesarchiv Nordrhein-Westfalen: 1946 – Politik und Alltag im Gründungsjahr des Landes Nordrhein-Westfalen. Eine Ausstellung des Landesarchivs und des Landtags NRW. Begleitpublikation zur Ausstellung. Duisburg 2006.

Christoph Nonn: Geschichte Nordrhein-Westfalens. München 2009.

Rolf Steininger: Ein neues Land an Rhein und Ruhr. Die Ruhrfrage 1945/46 und die Entstehung Nordrhein-Westfalens. Köln 1990.